„Nur wer selbst brennt, kann ein Feuer entfachen“ – Zum Abschied Friedhelm Horns

Es war die ganz große Rotenburger Runde, die da zum Abschied des Koordinators Friedhelm Horn  in die Cafeteria des Ratsgymnasiums gekommen war – und das sagt sicherlich am meisten aus über die Wirkkraft des quirligen Rheinländers, der dem Landkreis und der Stadt doch schon lange so verbunden ist, als habe er niemals irgendwo anders gelebt.

Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Schule – langjährige Weggefährten wie auch solche, die sich immer wieder an den klaren Kanten Friedhelm Horns gestoßen und gerieben haben – saßen einträchtig da und so mancher blaue Fleck war spätestens heute vergeben.

Neben dem ehemaligen Schulleiter Dr. Walter Jarecki und dessen ehemaligem Stellvertreter Dr. August Hoffmeister waren Dr. Dörthe Blume, Leiterin des Domgymnasiums in Verden, und Dirk Stelling vom Gymnasium am Markt in Achim gekommen, letztere hatten lange Jahre als Koordinatoren an Horns Seite am Ratsgymnasium gearbeitet.

Die Reden wurden aber von Rotenburgern gehalten: Schulleiterin Iris Rehder gab anhand der Dienstakte einige Einblicke in den beruflichen Werdegang des scheidenden Koordinators und zeigte sich beeindruckt von seiner Begeisterung und seinem Einsatz für das Ratsgymnasium und seine Schülerschaft. Besonders betonte sie aber das große Interesse am Leben und der Persönlichkeit der ihm Anempfohlenen, das seinen sichtbaren Niederschlag in einer mehrere Quadratmeter großen Informationswand mit aktuellen Zeitungsartikeln zu schulischen und außerschulischen Leistungen der Schülerinnen und Schüler fand. Diese lodernde Begeisterung für den Beruf werde sie vermissen, so Rehder, korrigierte sich aber sofort: „Nein. Ich werde Sie vermissen!“.

Bürgermeister Andreas Weber (Bild rechts) betonte, er wolle kein Grußwort sprechen, vielmehr einen ganz persönlichen Dank für die Stadt Rotenburg aussprechen. Horn habe nicht nur an sich selbst und seine Schule, sondern eben auch an seine Schülerschaft hohe Anforderungen gestellt. Dies habe er über seinen eigenen Sohn, der in der Oberstufe bei ihm im Politikkurs gesessen habe, unmittelbar miterlebt. Besonders sei ihm aber dabei das außerordentliche Interesse an den Schülerinnen und Schülern aufgefallen. „Die Wahl zum beliebtesten Lehrer“, so Weber, „ist da kein Zufall.“ Auch im Außerschulischen sei Friedhelm Horns Wirken für Rotenburg wichtig, sein Interesse an der Aufarbeitung der NS-Geschichte der Stadt habe immer wieder dazu beigetragen, „den Rattenfängern den Boden zu entziehen“. Horn habe sich eingemischt in die politische Landschaft, sei dabei auch immer wieder mutiger Grenzgänger gewesen.

Heiko Kehrstephan vom Rotenburger Wirtschaftsforum (RWF) dankte für die langjährige produktive Zusammenarbeit und hoffte sowohl privat als auch im Namen der lokalen Wirtschaft, dass Friedhelm Horns Expertise und Mitarbeit dem RWF erhalten bleiben möge.

Das letzte Wort gehörte aber schließlich Friedhelm Horns selbst, und er nutzte es in seiner unverwechselbaren Art, um einen weiten Bogen zu spannen über persönliche Ankunft im Landkreis 1977 – „Eine Gegend schwarz wie die Nacht!“ – und den wechselseitigen Kulturschock, den der liberale Junglehrer aus Düsseldorf allen Beteiligten bescherte. Und natürlich kam er nicht umhin, einen kritischen Blick auf die gegenwärtige Schulpolitik in Niedersachsen und in der Stadt zu werfen. Eine wirklich zentrale Frage der Rede war aber: „Wie konnte die Integration eines solchen Exoten gelingen?“ Horn klärte auf: Leserbriefe, Engagement in der Lokalpolitik und, natürlich, Fußball.

Und wie gut diese Integration gelungen ist, zeigte ein Blick in die Gesichter der Anwesenden beim Abschied.

„Singen, Pfeifen, lautes Sprechen ist verboten!“ – Stasiprojekt des Geschichtskurses 12ge8

Seit einigen Tagen steht in der Pausenhalle des Ratsgymnasiums ein etwas befremdliches Objekt: Der maßstabsgetreue Nachbau einer Gefängniszelle. Mag so manch Unglücklichen Schüler der Aufenthalt in der Schule gelegentlich auch an das Gefängnis erinnern, so ist der Hintergrund der gezeigten Installation doch ein deutlich ernster.

Unter dem Thema „Freiheit und Herrschaft in der DDR“ befassten sich die Schülerinnen und Schüler des Geschichtskurses 12ge8 unter der Leitung von Herrn Fabian Sauer mit Klaus Kordons semiautobiographischem Roman „Krokodil im Nacken“. In diesem erzählt der Autor eindringlich und detailliert vom Schicksal einer Familie rund um den Vater, Lenz, der nach missglückter Flucht inhaftiert wird und von da an sein Leben in einer 2×4 Meter großen Zelle in einem Gefängnis der Stasi verbringen muss:

„Singen, Pfeifen, lautes Sprechen ist laut Verwahrraumordnung verboten. Auch dürfen Sie sich tagsüber nicht auf die Pritsche legen. Das ist erst zur Nachtruhe gestattet. Haben Sie verstanden?“

Lenz läuft Zellenmarathon, versucht, sich auf engstem Raum physisch wie psychisch fit zu halten – immer versucht, die kriechende Zeit zu vertreiben. Die dennoch wiederkehrenden Gedanken an die ebenfalls inhaftierte Ehefrau sowie an die Kinder indes machen ihn mürbe, zerstören ihn nach und nach.

Die Lektüre des Romans weckte im Kurs den Wunsch, diesen Haftalltag noch stärker greifbar zu machen, körperlich erlebbar zu machen. Der Plan für einen Zellennachbau nahm Gestalt an und wurde nach kurzer Planung in Angriff genommen. Unter Mithilfe verschiedener schulischer Ressourcen und selbst gekaufter Materialien ging es ans Handwerkliche, ein Grundgerüst entstand aus Holzlatten. Das Innere der Zelle sollte sich an unterschiedlichen historischen Fotos des Stasigefängnisses in Berlin-Hohenschönhausen, besonders aber direkt an den Beschreibungen Kordons orientieren. Pritsche, Sanitärbereich – vor allem aber die den Zugang zur Außenwelt versperrende Tür vervollständigten den Nachbau. In der Zelle finden Besucher erklärende Texttafeln und Erläuterungen, die über den Tagesablauf und den Alltag der politischen Gefangenen zu informieren. Die Außenwände zeigen Auszüge aus authentischen Vernehmungsprotokollen und Akten, die die überaus penible und dabei teils menschenverachtende Arbeit der Staatssicherheit der DDR verdeutlichen.

Kursleiter Sauer zeigte sich, ebenso wie die am Ende der Arbeit durchaus abgekämpften Schülerinnen und Schüler, beim Anblick der nunmehr fertig aufgestellten Zelle mehr als zufrieden mit dem bewegenden Ergebnis des gemeinsamen Projektes.

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